Augenblicke / Blickkontakte

Jemanden anzusehen bedeutet: „Du existierst für mich“. Wie wichtig ist der Augenkontakt für die Mutter-Kind Bindung! Das Baby sieht zwar erst schemenhaft, sucht aber trotzdem gleich nach der Geburt den Augenkontakt zur Mutter. Es zeigt mit den Augen wohin seine Sinne gerichtet sind. Der Augenkontakt bleibt auch zwischen Erwachsenen verbindend und hat etwas Verbindliches.

Verliebte schauen sich ‚tief’ in die Augen. Sehe ich jemanden an, habe ich die Chance zu sehen, was der andere fühlt und denkt; wie er zu mir oder einer Sache steht. Man sagt nicht umsonst bei uns „Die Augen sind der Spiegel der Seele“.

Informationen, wenn durch Blickkontakte begleitet, werden intensiver wahrgenommen und werden sowohl vom Sender als auch vom Empfänger als wichtiger eingestuft. Durch Blickkontakte wird auch gemeinsames Handeln erfolgreicher.

In unserer Kultur, vor allem im germanischen und skandinavischen Raum, gilt es als höflich sich beim Gespräch in die Augen zu schauen. Die durchschnittliche Dauer des Augenkontaktes: ca. 2 Sekunden, dann wird fast unmerklich unterbrochen (Lidschlag, kurz am Empfänger vorbeischauen…). Bei Verliebten kann der Kontakt bis zu 4 Sekunden dauern.

Auf Augenhöhe mit jemandem zu sein, bedeutet hierarchisch auf derselben Stufe zu stehen.

Im Gespräch signalisiert der Zuhörende mit einem intensiven Augenkontakt sein Aufmerksamkeit, sein Interesse, seine Präsenz, der Erzählende hingegen, signalisiert mit dem zwischendurch ‚abschweifenden’ Blick dass er ‚abgetaucht’ ist in seine Innenwelt, um im Speicher seines Gehirns nach etwas zu suchen.

Mit den Augen kann ich aber auch die Grenze der Intimsphäre überschreiten, sei es in aggressiver, kontaktloser oder erotischer Absicht. Ein Dauerstarren gilt als aggressiv und bedeutet ‚Machtkampf’, wenn der Schauende uns ins Visier nimmt (focusiert, angespannt, sog. „Drohstarren“). Wenn jemand gedankenverloren starrt (defocusiert, entspannt) ist es kontaktlos. Erotische Blicke hingegen werden von einem Lächeln begleitet und nur durch langsame Lidschläge unterbrochen.

Die Augen des anderen zu meiden, kann bedeuten:

  • In gewissen Kulturen (Japan, Mexiko etc.) ein Zeichen von Respekt und Unterwerfung
  • Angst Aggression auszulösen
  • Extreme Schüchternheit (Der Blick rutscht weg, kommt wieder, wagt es nicht zu bleiben…wird von einem Lächeln und einem gesenkten Kopf begleitet)
  • Unterlegenheitsgefühle (Der Blick geht nach unten, der Kopf etwas gesenkt, ohne Lächeln)
  • Desinteresse am Gegenüber (Kurzer Blick ohne Lächeln, dann geht der Blick definitiv in eine andere Richtung, Kopf tendenziell eher etwas angehoben) kann auch Herabwürdigung sein
  • Vermeiden von emotionalem Kontakt, was auf eine soziale Phobie, Persönlichkeitsstörung oder Autismus hinweist
  • Vermeiden von Meinungsaustausch: Der Kontakt wird nur über Dinge, seine Ideen, Unterlagen, hergestellt
  • Nimmt seine Umgebung nicht wahr, ist ganz in sich

In unserer Kultur jedenfalls, kann das Vermeiden von Augenkontakt erhebliche Folgen haben. Dieser Mensch wird unsicher bis unehrlich eingestuft. Allenfalls fühlen sich die Gesprächspartner nicht geschätzt, weil nicht wahrgenommen, aber auch hilflos weil kein wirklicher Austausch möglich ist.

Mein Geschäftspartner schaut mich nie an wenn er mit mir etwas bespricht, sagt mir eine Businessfrau aus dem Publikum: „Das irritiert mich. Er schaut die ganze Zeit auf die Unterlagen. Auch andere beklagen sich, dass er sie im Gespräch oder während einer Präsentation nicht anschaut. Was bedeutet das? Und was kann ich tun?“

Antwort: Um es vorweg zu nehmen: Ein extremes Verhalten deutet auf eine soziale Störung hin und kann, wenn überhaupt, nur durch eine Therapie verändert werden.

Allerdings sollte man, wenn die Beziehung und der Kontakt zu diesem Menschen wichtig ist, nichts unversucht lassen. Eine der besten Möglichkeiten auf irritierendes Verhalten zu reagieren: Sie sprechen die Person, in einem Moment, in dem Sie mit ihr alleine sind, an und beschreiben ihr das Verhalten und was dieses Verhalten bei Ihnen auslöst hat, und fragen nach was der /die Betroffene denn an Ihrer Stelle tun würden.

Die etwas trickreiche und provokative Möglichkeit paradox zu reagieren, zum Beispiel einmal keine Antwort zu geben, bis die Person irritiert ist und aufschaut, kann ebenfalls zur Aussprache führen, birgt aber die Gefahr, die Beziehung zu gefährden.

Müssen Sie diese Möglichkeiten ausschliessen, weil die Person hierarchisch höher steht, dann gibt es zwei weitere Möglichkeiten: Sie finden sich damit ab und versuchen das mangelhafte Kontaktverhalten des Geschäftspartners auszugleichen oder Sie trennen sich von der Person.

Sollte die Person aus einer Kultur stammen, in der direkter Augenkontakt als unhöflich gilt, zum Beispiel aus Japan, ist sein Verhalten anders zu bewerten. Auch dort schauen sich die Menschen im Gespräch zwar ins Gesicht. Aber etwas ober oder unterhalb der Augen. Interessant ist, dass der direkte Kontakt als zu eindringlich (invasiv) empfunden wird, das Überschreiten der intimen Grenze sogar als feindselig erlebt wird. Es geht darum das Gesicht zu wahren und respektvolle Distanz zu halten. Der individuelle Kontakt ist da eine viel zu intime Sache als dass er zwischen Geschäftspartner oder sonstigen Unbekannten entstehen soll.


Dieser Beitrag wurde im Original auf www.apriori.ch publiziert. 

Von |2018-07-13T12:51:22+00:0020/04/2018|
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